Individuelle Hilfe bei der Gesellenprüfung

Herbert Ackermann war in Würzburg Berufsschullehrer. Jetzt engagiert er sich im Projekt VerA und berät junge Leute, die sich in der Ausbildung schwer tun. Zwei Azubis erzählen, warum das so wichtig ist.

Von Jürgen Haug-Peichl

Mangel an Fachkräften

Würzburg/Opferbaum Kaum etwas beschäftigt die regionale Wirtschaft derzeit so sehr, wie der Mangel an Lehrlingen und Fachkräften. Umso mehr schmerzt es Unternehmen, wenn etwa ein Azubi vorzeitig geht oder die Gesellenprüfung nicht schafft. Herbert Ackermann will das verhindern. Der 63-Jährige war 25 Jahre lang Berufsschullehrer an der Franz-Oberthür-Schule in Würzburg und stellt sein Wissen nun als Rentner in den Dienst der guten Sache. Ackermann ist Freiwilliger bei VerA, der bundesweiten Initiative zur Verhinderung von Ausbildungs-abbrüchen – und hilft jungen Menschen wie Ali Amiri und Marc Kapper.

In verkürzter Ausbildungszeitsicher durch die Berufsschule

Für ihn sei Herbert Ackermann „wie ein großer Bruder“, sagt Ali Amiri. Dem 24-jährigen Azubi hilft der ehemalige Lehrer in wöchentlichen Beratungsgesprächen, durch die Gesellenprüfung als SHK-Anlagenmechaniker zu kommen. Im Bereich Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (SHK) war Ackermann selbst jahrelang unterwegs. Doch nicht nur Ackermanns Fachwissen ist gefragt. Der VerAHelfer unterstützte Ali Amiri auch, als dieser um seine Aufenthaltsgenehmigung kämpfte.

2015 war Amiri aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und lebte erst eine Zeit lang in Unterfranken, dann in Bremen. Als er nach Würzburg zurückkehrte, musste er sich wegen seiner Aufenthaltspapiere mit den Behörden auseinandersetzen. Allein wegen der vielen Fachbegriffe und der hölzernen Amtssprache „kann das jemand gar nicht stemmen, der nicht von hier ist“, sagt Ackermann. Meist aber geht es bei den Online-Beratungs-gesprächen um Fragen ums Handwerk, die Anforderungen in der Berufsschule und konkrete Aufgaben. Wie ermittelt man bei einer Solaranlage den Schwund an Leistung, wenn man ihren Winkel zur Sonne verändert?

Winkelrechnung, Prozentrechnung, Fachdeutsch – für Ackermann kein Problem, für Amiri nach einer Stunde auch nicht mehr. Der 24-Jährige bringt in die Runden mit Ackermann oft Fragen aus dem Berufsschulalltag ein, denn: „Die Lehrer reden oft zu schnell.“ Amiri hat bereits eine Ausbildung im Bereich Lagerlogistik gemacht. Deshalb ist seine SHK-Ausbildung von dreieinhalb Jahren auf zwei Jahre verkürzt. Der Haken: Ihm fehlt das erste Berufsschuljahr. Den Stoff habe der Azubi nachholen müssen, sagt Ackermann.

VerA-Initiative

Seit Ende 2008 gibt es in Deutschland die Initiative zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen (VerA). Gefördert vom Bundesbildungsministerium, ist sie dem Senior Experten Service (SES) angegliedert, der sich auch Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit nennt. Laut Handwerkskammer für Unterfranken haben 2022 rund 13 Prozent der neuen Azubis ihre Lehre abgebrochen – meistens während der Probezeit. Viele wechselten dann in einen anderen Handwerksberuf.

Etwa 21.000 Lehrlingen hat die Initiative bislang eigenen Angaben zufolge geholfen, sicher durch die Ausbildung zu kommen. Für die Initiative sind 5000 Ehrenamtliche aktiv, 50 davon in Unterfranken. Sie werden nach VerA-Angaben regelmäßig geschult und kümmern sich um Lehrlinge „jeder Herkunft sowie in allen dualen oder schulischen Ausbildungen“.

Die Beratungen durch VerA-Freiwillige sind kostenlos. Kontakt zu der Initiative bekommen Azubis über ihre Berufsschulen. Oder im Internet: www.vera.ses-bonn.de

Auch für Marc Klapper wurde die Verkürzung der Lehrzeit zur Hürde. Der 31-Jährige aus Opferbaum im Landkreis Würzburg ist Handelsfachwirt mit Bachelor-Niveau. Seine Gesellenprüfung als Zimmerer konnte er deshalb schon nach zwei statt drei Jahren machen. Er habe unbedingt im Handwerk Fuß fassen wollen, sagt Klapper. Allerdings habe er seine zweite Ausbildung „mit wenig Wissen“ über die Branche angefangen. Vor allem an der Theorie habe es gemangelt, stellte VerA-Helfer Ackermann bei den ersten Beratungsrunden fest.

So ging er mit Klapper erst einmal durch, wie man einen Winkel berechnet. Für VerA-Freiwillige sei es hilfreich, neben fundierter Fachkenntnis ein breites Allgemeinwissen zu haben, sagt der 63-Jährige. Er besorge sich oft die Schulbücher seiner Schützlinge, um sie gezielt unterstützen zu können.

„Wir haben perfekt zusammengearbeitet“, lobt Klapper die regelmäßige Beratung über die zwei Lehrjahre hinweg. „Mir ist da geholfen worden, wo ich Hilfe gebraucht habe.“ Ohne Ackermanns Unterstützung, meint der 31-Jährige, „hätte ich den theoretischen Teil der Gesellenprüfung nicht geschafft“.

Willkommene Verlängerung des Schuldienstes

Für ihn sei das VerA-Ehrenamt eine willkommene Verlängerung seines Schuldienstes, sagt Herbert Ackermann. „Dort habe ich in über 20 Jahren mehr gelernt als im ganzen Studium.“ Dass er dieses Wissen noch weitergeben kann, mache ihm Freude.

Die digitalen Hilfsmittel sieht der Berater dabei als Segen: Seine Gespräche führt er meistens per Laptop und Video-Übertragung. So hat er für VerA auch Zeit, wenn er wie derzeit für mehrere Monate mit dem Wohnmobil im Ausland unterwegs ist. Denn, meint der Rentner: „Es gibt ausreichend Leute, die die Hilfe nötig hätten.“